Mein Agent heißt Claudia. Sie verwaltet meine Termine, kümmert sich um die Kommunikation mit unserer Community, treibt unsere Sales-Initiativen voran. Und trotzdem ertappe ich mich seit Wochen immer öfter dabei, dass ich an ihr vorbeiarbeite. Diesen Artikel zum Beispiel schreibe ich ohne sie.

Das klingt nach einem schlechten Zeugnis für Claudia. Ist es aber nicht. Es ist das Ergebnis von ein paar Monaten Alltag mit einem Agent - und ich glaube, die Erkenntnis dahinter betrifft jeden, der gerade einen Agent aufsetzt oder mit dem Gedanken spielt. Denn die stille Erwartung, mit der die meisten starten, lautet: Der Agent löst ab jetzt meine Probleme, ich delegiere einfach alles. Diese Erwartung kann nicht erfüllt werden. Von keinem Agent.

Was ich stattdessen gelernt habe: Die Frage ist nicht, ob ein Agent gut oder schlecht ist. Die Frage ist dieselbe wie bei einem Mitarbeiter - was delegiere ich, und woran arbeite ich selbst mit?

Zwei Arbeitsweisen, die sich nicht ersetzen

Bei uns haben sich zwei grundverschiedene Arten herausgebildet, mit AI zu arbeiten.

Die erste ist Claudia, unser Agent. Sie arbeitet, wenn ich nicht dabei bin. Sie verwaltet die gesamte Kommunikation mit der AI-Circle-Community und deren Agents, sie strukturiert das Feedback, das reinkommt, sie hält meinen Kalender in Ordnung, und sie treibt bestimmte Initiativen - Sales, Growth - eigenständig voran. Ihr größter Vorteil: Sie trägt meinen gesamten Kontext im Kopf. Wer länger mit AI arbeitet, kennt das alte Problem. Jeder Prompt begann mit demselben Vorspann: „Ich bin Unternehmer, mein Unternehmen macht dies, meine Kunden sind jene, und wir arbeiten gerade an…" Dieses ewige Neu-Erklären hat der Agent abgeschafft. Claudia weiß, wer ich bin, was wir bauen und was letzte Woche passiert ist.

Die zweite Arbeitsweise ist das, was ich „gemeinsames Tüfteln" nenne. Ich sitze vor dem Rechner, Claude sitzt - bildlich gesprochen - daneben, und wir arbeiten zusammen an einer Sache. Bei Anthropic heißt dieser Modus Cowork: Ich arbeite mit Claude direkt in einem Ordner auf meinem Rechner, und das Ergebnis sind nicht Antworten in einem Chat, sondern fertige Dateien in diesem Ordner. Artikel wie dieser entstehen so. Prototypen entstehen so. Und wenn ich einen Berg unsortierter Daten habe, werfe ich ihn in einen Ordner und lasse Claude ihn dort auswerten und strukturieren.

Beides fühlt sich nach AI an. Aber es sind zwei verschiedene Berufe.

Ich delegiere an AI wie an Mitarbeiter

Wann bekommt Claudia eine Aufgabe, und wann mache ich sie selbst mit Claude? Mein Kriterium ist dasselbe wie beim Delegieren an Menschen: Komplexität.

Ist der Auftrag klar? Ist der Umfang überschaubar? Erwarte ich wenige Rückfragen? Dann geht die Aufgabe an Claudia. „Arbeite den Auftrag aus diesem Email ab" ist ein perfekter Claudia-Auftrag: Alles Nötige steht drin, sie hat den Kontext, sie braucht mich nicht.

Muss die Lösung dagegen erst erarbeitet werden? Weiß ich selbst noch nicht genau, was am Ende rauskommen soll? Erwarte ich viele Rückfragen und Kurskorrekturen? Dann setze ich mich selbst hin. Einen Prototyp bauen ist das beste Beispiel: Da ändert sich die Richtung dreimal pro Stunde, und genau dieses Hin und Her ist der eigentliche Wert der Arbeit. Sowas delegiert man auch an keinen Mitarbeiter mit den Worten „mach mal".

Es gibt allerdings noch einen zweiten Faktor, und der ist weniger romantisch: Geld. Cowork läuft bei uns auf einem Pauschalpreis-Modell - es kostet dasselbe, ob ich eine Stunde oder zehn damit arbeite. Claudia dagegen rechnet nach Verbrauch ab, jede Aufgabe kostet exakt das, was sie an Rechenleistung braucht. Solange der Agent noch zum Pauschalpreis lief, habe ich fast alles über Claudia abgewickelt - auch das gemeinsame Tüfteln, im Sparring-Modus. Erst die Preisumstellung hat mich gezwungen, sauber zu trennen. Im Nachhinein war das ein Glücksfall: Die Trennung nach Komplexität ist die bessere Arbeitsteilung, ich hätte sie nur ohne den Kostendruck nie gefunden.

Ein Agent ist keine Lösung. Er ist ein Werkzeug.

Hier kommt die unbequeme Wahrheit, die ich vielen Unternehmern gerade nicht ersparen kann: Die Erwartung, dass der Agent deine Probleme löst und du deshalb alles an ihn delegierst, kann nicht erfüllt werden. Ein Agent ist ein Werkzeug. Ein ausgefeilteres als alles, was wir bisher hatten, ja - aber immer noch ein Werkzeug, das ich benutze, um meine Probleme zu lösen. Nicht eines, das sie von allein löst.

Der Skeptiker fragt an dieser Stelle zu Recht: Wenn ich die komplexen Sachen sowieso selbst machen muss - wozu dann der ganze Aufwand mit dem Agent-Setup?

Meine Antwort: Es geht nicht darum, alles selbst zu machen. Claudia ersetzt für mich einen Mitarbeiter. Und noch wichtiger: Sie übernimmt meine offenen Schleifen - Themen, Gedanken, halbfertige Vorhaben - und sorgt dafür, dass nichts davon verloren geht. Aber wie jedes Werkzeug braucht auch ein Agent Auseinandersetzung und Wartung. Man muss sich mit ihm beschäftigen, ihn nachjustieren - und vor allem muss man wissen, wann man welches Werkzeug in die Hand nimmt.

Niemand wirft seinen Akkuschrauber weg, weil er damit kein Regal entwerfen kann.

Das bleibt nicht Claude-exklusiv

Falls du jetzt denkst, das sei ein Anthropic-Spezialthema: OpenAI hat vergangene Woche, am 9. Juli, „ChatGPT Work" vorgestellt und baut ChatGPT und die Codex-App (OpenAIs Werkzeug fürs Programmieren) gerade zu einer einzigen Desktop-Anwendung um, einer „Superapp". Damit kommt genau dieses Arbeiten an Dateien und Dokumenten ins OpenAI-Universum: Du gibst ein Ziel vor, ChatGPT arbeitet sich durch deine Unterlagen und liefert fertige Tabellen, Präsentationen und Dokumente statt Antworten im Chat. Das gemeinsame Tüfteln mit Zugriff auf deine Ordner ist also kein Claude-Feature, sondern die Richtung, in die alle großen Anbieter gehen. Und damit wird dir auch die Frage „was delegiere ich, woran arbeite ich mit?" nicht erspart bleiben, egal bei welchem Anbieter du bist.

Womit du morgen früh anfangen kannst

Mein konkreter Vorschlag: Mach eine Liste. Schreib alle Aufgaben auf, bei denen AI dir helfen kann - und sortiere sie dann in zwei Spalten. Spalte eins: klar definierte Aufgaben mit überschaubarem Umfang, die ohne dich laufen können. Das ist der Stapel für deinen Agent. Spalte zwei: Aufgaben, bei denen die Lösung erst entstehen muss und du viele Rückfragen erwartest. Die machst du selbst, gemeinsam mit der AI.

Wenn du schon einen Agent hast, gib ihm diesen Auftrag - er kennt deine Arbeit ja bereits:

prompt zum kopieren

Erstelle mit mir eine Liste aller wiederkehrenden Aufgaben in meinem Arbeitsalltag, bei denen AI mir helfen kann. Sortiere sie danach in zwei Gruppen: (1) Aufgaben, die klar definiert sind, überschaubaren Umfang haben und die du künftig eigenständig für mich erledigen kannst. (2) Aufgaben, bei denen die Lösung erst gemeinsam erarbeitet werden muss und die ich besser selbst mit AI-Unterstützung mache. Stelle mir dazu so lange Rückfragen, bis die Zuordnung für uns beide stimmt.

Dass dein Agent dir dabei hilft herauszufinden, was du ihm nicht geben solltest, ist übrigens kein Widerspruch. Es ist genau die Auseinandersetzung mit dem Werkzeug, von der ich oben gesprochen habe.

Die richtige Menge ist nicht die maximale

Claudia bekommt heute weniger Aufgaben von mir als in ihren ersten Wochen. Damals habe ich ihr alles gegeben, weil ich einen Agent hatte und es konnte. Heute gebe ich ihr weniger - aber das Richtige. Und genau daran merke ich, dass ich sie inzwischen richtig einsetze.

Der Moment, in dem du deinem Agent zum ersten Mal eine Aufgabe bewusst nicht gibst, ist kein Rückschritt. Es ist der Moment, in dem aus dem Spielzeug ein Werkzeug geworden ist.

Nachtrag, August 2026: Claudia unterschreibt inzwischen als „AI-Assistenz der Geschäftsführung". Seit dem 2. August muss ein Agent sagen, dass er einer ist - was vom AI Act sonst noch übrig bleibt, ist erstaunlich wenig.