Dieser Artikel trägt noch kein Wasserzeichen. Der nächste wahrscheinlich schon.
Geschrieben habe ich ihn mit Claude Opus 5, einem Modell, das am 24. Juli erschienen ist. Acht Tage zu früh: Seit dem 2. August liefert Anthropic jedes neue Modell mit einer unsichtbaren Markierung im Text aus. Die älteren werden nachgerüstet, ein Termin dafür steht nicht fest.
Die Markierung siehst du nicht. Sie steht nicht drunter, sie ist kein Hinweis am Textende, und sie verändert kein einziges Wort. Sie steckt im Text selbst.
Vereinfacht funktionieren solche Wasserzeichen so: Für fast jedes Wort gibt es mehrere gleich gute Möglichkeiten, und das Modell wählt zwischen ihnen nicht mehr zufällig, sondern nach einem Muster, das ein Schlüssel vorgibt. Wer den Schlüssel hat, findet das Muster im Text wieder. Für dich als Leser bleibt es unsichtbar, an Bedeutung und Qualität ändert sich nichts.
Das gilt weltweit und in jedem Produkt, auch wenn ein eigenes Programm das Modell anspricht. Bilder und Dateien bekommen zusätzlich eine Signatur, an der man erkennt, ob jemand sie nachträglich verändert hat.
Für dich ändert das nichts. Nicht, weil die Technik nichts taugt, sondern weil du in der Situation bist, in der ein Wasserzeichen niemanden interessiert.
Ein Wasserzeichen trifft nur den, der sich versteckt
Überleg kurz, wem so eine Markierung wirklich gefährlich wird.
Dem Studenten, dessen Universität AI in Hausarbeiten verbietet. Dem Schüler, der eine Erörterung abgibt, die er nicht geschrieben hat. Der Angestellten im Konzern, in dem AI-Werkzeuge nicht freigegeben sind und die trotzdem eines benutzt.
Alle drei haben eine Regel über sich, gegen die sie verstoßen. Deshalb ist es für sie eine schlechte Nachricht.
Du hast diese Regel nicht. Du bist der Unternehmer. Ob und wie du AI einsetzt, entscheidest du, und du musst dich dafür bei niemandem rechtfertigen. Es gibt keine Stelle über dir, die es dir verbietet, und es gibt niemanden, den du darüber täuschen müsstest.
Damit ist das Wasserzeichen für dich genau das, was es technisch ist: ein Muster im Text, das kein Mensch sieht und das nichts über dich verrät, was du nicht ohnehin sagen würdest.
Die eine Stelle, an der du etwas tun musst, hat mit dem Wasserzeichen nichts zu tun. Wenn dein Agent selbst mit Menschen schreibt, muss er sagen, dass er ein Agent ist. Das ist ein Hinweis für Menschen, keiner für Maschinen, und er galt schon vorher. Deshalb steht in Claudias Signatur seit Anfang August „AI-Assistenz". Die maschinenlesbare Markierung, die ab 2. Dezember für selbst gebaute Systeme dazukommt, erledigt dein Modellanbieter für dich.
Das ist kein Alleingang
Anthropic hat als eine von rund 190 Organisationen den EU-Transparenzkodex unterschrieben. Unter den Modellanbietern sind OpenAI, Google, Meta, Microsoft, Mistral, Cohere und Aleph Alpha. Die Frage ist also nicht, ob dein Anbieter mitzieht, sondern wann er fertig ist.
Der Stand ist gerade ungleich verteilt. Google markiert Gemini-Texte längst. OpenAI markiert bisher nur Bilder, seit Mai, und die Sprachausgabe seit Ende Juli; bei Text steht es dort noch aus.
Das ist der Teil, der mich beruhigt. Google hat sein Verfahren 2024 in Gemini scharf geschaltet und dabei rund 20 Millionen Antworten ausgewertet. Das Ergebnis: kein messbarer Unterschied darin, wie zufrieden die Nutzer mit den Antworten waren.
Wenn du in den letzten zwei Jahren irgendetwas mit Gemini geschrieben hast, hast du mit Wasserzeichen geschrieben. Ist dir etwas aufgefallen? Eben.
Das eine Risiko, das ich nicht wegrede
Bleibt eine Frage, die ich nicht beantworten kann.
Wenn Plattformen die Markierung lesen können, könnten sie AI-Texte schlechter ausspielen. LinkedIn, Suchmaschinen, technisch wäre das möglich. Ob sie es tun, weiß heute niemand. Es gibt dazu keinen einzigen Datenpunkt, nur die Möglichkeit.
Was ich sagen kann: Ein Ranking hängt nie an einem Faktor. Relevanz, Reaktionen, Zeitpunkt, wie lange jemand an deinem Beitrag hängen bleibt, das zählt alles mit. Die Frage ist deshalb nicht „mit AI oder von Hand", sondern womit du unterm Strich das bessere Gesamtpaket hinbekommst.
Es wird eine Pendelbewegung geben, in die eine Richtung und wieder zurück. Wer sie mitdenkt, statt sie abzuwarten, zieht daraus einen Vorteil. Mehr ist dazu heute nicht zu sagen, und wer dir jetzt schon erklärt, wie du dein LinkedIn wasserzeichenfest machst, verkauft dir etwas.
Was wirklich peinlich wäre
Ein Einwand bleibt, und ich habe ihn mir selbst gemacht. Irgendwann wird jeder Text prüfbar sein. Dann sitzt da ein Kunde, jagt deine Angebots-Mail durch einen Detektor und sieht: kam von der Maschine.
Darauf habe ich eine Gegenfrage. Was genau wäre daran peinlich? Dass du ein gutes Angebot in kurzer Zeit geschrieben hast? Oder dass du ein falsches ungeprüft rausgeschickt hast?
Das Zweite natürlich. Und dann ist nicht das Wasserzeichen dein Problem.
