Den Artikel, den du gerade liest, habe ich zweimal in Auftrag gegeben. Einmal bei Claude Cowork, einmal bei ChatGPT Work - OpenAIs neuer „Superapp", die letzten Donnerstag mit großem Getöse gestartet ist. Gleiches Briefing, gleiche Arbeitsanleitung, gleiche Fragen an mich. Dann habe ich die beiden Kernthesen nebeneinandergelegt. Dazu später mehr, aber so viel vorweg: Der Unterschied war deutlich.
Warum ich mir diesen Abend genommen habe: Viele von euch im Circle sind auf ChatGPT unterwegs und hören von uns, dass wir mit Claude Cowork und Claude Design arbeiten. Wenn OpenAI jetzt eine App ankündigt, die genau das verspricht, ist die Frage berechtigt: Kann OpenAI das jetzt auch? Muss ich noch wechseln - oder kann ich bleiben, wo ich bin?
Meine Antwort nach einem Testabend: ChatGPT Work ist kein Sprung nach vorne, sondern Nachziehen. Und am eigentlichen Problem geht die App vorbei.
Genau daran wird sich entscheiden, welche Plattform gewinnt.
Was ChatGPT Work überhaupt ist
Kurz für alle, die es noch nicht gesehen haben: ChatGPT Work packt den bekannten Chat und OpenAIs Programmier-Werkzeug Codex in eine App. Sie arbeitet direkt mit den Dateien auf deinem Rechner, erstellt Dokumente und Präsentationen, baut kleine Websites und stellt sie gleich ins Netz, und sie lässt sich über Erweiterungen mit Slack, Gmail und Co. verbinden. Als Desktop-App gibt es das Ganze derzeit nur für Mac - Windows-Nutzer schauen vorerst zu.
Wer Claude Cowork kennt, erkennt das Muster sofort. Es ist im Kern dieselbe Idee: ein Arbeitsplatz, an dem die AI nicht nur antwortet, sondern erledigt.
Übrigens überführt OpenAI gerade auch seinen eingestellten Browser Atlas in genau diese Desktop-App - samt Tabs, Passwort-Manager und Autofill. Warum dieser Schritt (den Browser in die AI holen statt umgekehrt) die eigentlich spannende Bewegung ist, habe ich in AI & Browser: It's complicated aufgeschrieben.
Was OpenAI gut gemacht hat
Ehrlich ist ehrlich: Ein paar Dinge gefallen mir.
Erstens die geplanten Aufgaben. Die laufen bei ChatGPT Work lokal auf deinem Rechner, nicht in der Cloud - und damit ohne extra Nutzungskosten. Wer regelmäßig wiederkehrende Aufgaben von der AI erledigen lässt, spart damit echtes Geld.
Zweitens die Websites. Dass die App das Hosting gleich mit übernimmt, löst ein Problem, an dem viele Nicht-Techniker bisher hängen geblieben sind: Die Seite ist fertig, aber wie kommt sie ins Netz?
Drittens die Oberfläche. Erweiterungen und Arbeitsanleitungen - bei Claude heißen sie Plugins und Skills - sind bei ChatGPT Work freundlicher dargestellt und leichter zu finden. Das ist kein Detail: Für viele entscheidet die erste Viertelstunde, ob sie ein Werkzeug je wieder öffnen.
Ein Spiel fürs Rote Kreuz - und 28 Entscheidungen, die ich nicht treffen wollte
Mein erster richtiger Auftrag: eine kleine Website mit einem Spiel zum Thema Rotes Kreuz. Bevor ich loslegen konnte, musste ich ein Modell wählen. OpenAI bietet beim neuen GPT-5.6 drei Modellgrößen mit je vier bis fünf Qualitätsstufen und zwei Geschwindigkeiten an. Ich habe nachgezählt: genau 28 Kombinationen - und die Wahl bleibt bei mir. Ich habe getan, was vermutlich jeder tut, der es sich leisten kann: maximum model, maximum effort. Wozu die anderen 27 Optionen da sind, weiß ich bis heute nicht.
Das Ergebnis war dann durchwachsen. Das Design war nett anzusehen, aber die kleinen Details fehlten oder hatten Fehler. Mein Lieblingsbeispiel: Statt des Roten Kreuzes - rotes Kreuz auf weißem Grund - prangte im Logo und auf dem Zelt der Illustration die Schweizer Fahne, weißes Kreuz auf rotem Grund. Nett gemeint, falsches Land.
Die Möglichkeiten, das Design anzupassen, gehen in der Textwüste, die die App beim Erstellen produziert, fast unter. Bei Claude läuft derselbe Job in zwei sauberen Schritten: erst das Design mit Claude Design, dann die Umsetzung mit Cowork. Dieser Zwischenschritt fehlt bei OpenAI komplett - es gibt schlicht kein Gegenstück zu Claude Design. Für mich bleibt das DAS Argument für das Claude-Universum.
Und noch eine Kleinigkeit, die im Alltag nervt: ChatGPT Work fragt zwischendurch immer wieder nach Freigaben für einzelne Ordner, ohne dass klar wird, wofür. Bei Claude gebe ich einen Ordner frei, und dort findet alles statt. Auch die Websites haben einen Haken: Sie laufen alle unter einer chatgpt.site-Adresse, eigene Domains sind nicht möglich. Für interne Werkzeuge reicht das, für deine Firmen-Website nicht.
Der rote Faden: Die Arbeit bleibt bei mir
Einzeln betrachtet sind das Kleinigkeiten. Zusammen ergeben sie ein Muster: Überall bleibt die Komplexität beim Nutzer hängen. Ich soll das richtige Modell aus 28 Optionen wählen. Ich soll geplante Aufgaben anlegen, pflegen und anpassen - bei mir ändern sich die ständig, und genau deshalb übernimmt das bei mir mein OpenClaw-Agent, statt dass ich Listen pflege. Ich soll Ordnerfreigaben nachvollziehen, die die App mir nicht erklärt.
Meine Erwartung an eine „Superapp" im Jahr 2026 ist eine andere: Ich sage der AI, was ich will, und sie managt den Rest - welches Modell, welcher Zeitpunkt, welche Unterlagen sie dafür braucht. Ich will das nicht verwalten. Ich will es verwaltet wissen.
Wie groß der Unterschied im Mitdenken ist, zeigt mein Eingangs-Experiment. Gleiches Briefing, gleiche Anleitung - und zwei sehr unterschiedliche Thesen. Claude formulierte: „ChatGPT Work ist kein Sprung nach vorne, sondern Nachziehen - und am eigentlichen Problem geht es vorbei: Ich will AI nicht verwalten, ich will sie verwaltet wissen." ChatGPT Work schrieb: „ChatGPT Work ist keine echte Superapp, sondern vor allem OpenAIs Aufholbewegung zu Claude Cowork - mit guten Ansätzen bei lokalen geplanten Aufgaben und Websites, aber ohne die entscheidende Entlastung des Nutzers von Modellwahl, Kontextverwaltung und technischer Komplexität." Beide Thesen stimmen. Aber die eine hat eine Haltung, die andere fasst zusammen. Fairerweise: Das liegt weniger an den Apps als an den Modellen dahinter (Claude Fable 5 gegen GPT-5.6). Aber genau die sind ja Teil des Pakets, das du kaufst.
„Aber OpenAI hat doch die Masse?"
Der naheliegende Einwand: ChatGPT hat hunderte Millionen Nutzer, OpenAI den längeren Atem - am Ende schlägt Verbreitung die Produktqualität. Das mag sein. ChatGPT Work ist die logische Antwort darauf, dass Nutzer Richtung Claude abgewandert sind, und als Abwehrbewegung wird die App funktionieren.
Und die findet in letzter Zeit eher bei Anthropic statt - Cowork, Design, und die Modelle, die spürbar mehr mitdenken.
Was das für dich heißt
Wenn du ohnehin nur auf ChatGPT unterwegs bist und einen Mac hast: Probier ChatGPT Work aus. Allein die Arbeit mit lokalen Dateien - ohne das ewige Hoch- und Runterladen - ist den Versuch wert. Nimm im Zweifel das größte Modell und ignorier den Rest der Auswahl.
Wenn du schon im Claude-Universum bist: Ich sehe keinen Grund zu wechseln. Bis auf die lokal laufenden geplanten Aufgaben kann ChatGPT Work nichts, was dir bei Claude fehlt - und das Zusammenspiel aus Design und Cowork gibt es drüben nicht.
Und egal auf welcher Seite du stehst: Miss die nächste „Superapp"-Ankündigung nicht an der Länge der Funktionsliste.
