Im Oktober habe ich ChatGPT Atlas installiert, OpenAIs eigenen Browser, direkt nach dem Launch. Ich war kein Skeptiker - ich wollte, dass das funktioniert. Mein erster Test: Gmail öffnen und den eingebauten Agent bitten, auf eine offene Anfrage zu antworten. Der Agent hat gearbeitet, und ich habe mir währenddessen ausgemalt, was gleich kommt: eine Antwort, besser formuliert als meine - vielleicht sogar mit einem Punkt aus dem Mailverlauf, an den ich selbst gar nicht gedacht hätte. Nach fünf Minuten kam er zurück, mit einem Satz, den ich so schnell nicht vergesse: Er finde die Mail nicht.
Die Mail war offen. Im selben Browser. Direkt vor seiner Nase.
Warum ich dir das erzähle: Vergangene Woche hat OpenAI genau diesen Browser beerdigt - Atlas wird eingestellt, keine neun Monate nach dem Start. Wer dort Daten liegen hat, hat bis 9. August Zeit, sie zu exportieren. In derselben Woche hat Anthropic seinem Programmier-Werkzeug Claude Code einen eigenen, eingebauten Browser spendiert. Und Dia - der AI-Browser, dessen Fan ich lange war - gehört seit Herbst zu Atlassian, gekauft um 610 Millionen Dollar. Drei Nachrichten, ein Thema: Alle versuchen gerade, AI und Browser zusammenzubringen. Und keiner hat es bisher sauber gelöst.
Der Satz, der hinter all dem steht, lautet: AI muss dorthin, wo die User sind - und das ist nun mal der Browser. Ich habe diesen Satz selbst geglaubt und verbreitet. Heute glaube ich: Er stimmt nur zur Hälfte.
Als Werkzeug im Hintergrund, das dein Agent im Stillen bedient, ohne dass du zusiehst.
Drei Wege zum selben Ziel - und der lauteste ist gerade gescheitert
Wer AI und Browser verheiraten will, hat drei Möglichkeiten.
Weg eins: einen neuen AI-Browser bauen. Das war Atlas, das ist Dia, das ist Perplexitys Comet. Der Haken: Du musst die Menschen überreden, ihren Browser zu wechseln - Lesezeichen, Passwörter, Gewohnheiten, alles. Dafür muss der neue Browser dramatisch besser sein, ein bisschen reicht nicht. Atlas war das Gegenteil. Es lief nur auf dem Mac, bis zum Schluss gab es keine Version für Windows oder das Handy. Und die Größenordnung muss man sich ehrlich ansehen: Alle AI-Browser zusammen kommen 2026 nach Schätzungen auf ein bis drei Prozent des weltweiten Browser-Markts - Chrome allein hält rund zwei Drittel. Innerhalb dieser kleinen Nische hat der Sicherheitsdienstleister HUMAN Security im Mai gemessen, wer die Agent-Arbeit erledigt: Comet rund 47 Prozent, Atlas 20. Auf den gesamten Browser-Verkehr gerechnet lag Atlas damit deutlich unter einem Prozent - trotz der riesigen ChatGPT-Nutzerbasis im Rücken.
Weg zwei: die AI in den bestehenden Browser holen. Das sind Erweiterungen wie Claude in Chrome - du bleibst, wo du bist, die AI zieht bei dir ein. Das war bisher Anthropics Antwort, und sie ist deutlich schonender: Niemand muss umziehen. Die Zahlen geben dem recht - Claude in Chrome steht im Chrome Web Store bei über einer Million Nutzern, obwohl die Erweiterung erst seit Dezember für alle Bezahl-Tarife offen ist.
Weg drei: den Browser in die AI holen. Das ist die jüngste Bewegung, und für mich die interessanteste. Seit letzter Woche hat Claude Code einen eigenen Browser eingebaut - abgeschottet vom Rest deines Rechners, und gedacht für den Agent, nicht für dich als Nutzer. Er kann damit Dokumentationen lesen, sich durch Webseiten klicken, das Zwischenergebnis einer Website selbst ansehen. Der Browser wird vom Arbeitsplatz des Menschen zum Werkzeug der Maschine.
Und das Bemerkenswerte am Atlas-Aus: OpenAI wechselt auf genau dieses Gleis. Atlas verschwindet ja nicht ersatzlos - die Browser-Funktionen wandern in die ChatGPT-Desktop-App, samt Tabs, Passwort-Manager und Autofill. Aus dem eigenen Browser, in den die AI eingebaut war, wird eine AI-App, in die der Browser eingebaut ist. Damit fahren die beiden größten AI-Anbieter jetzt denselben Kurs: Nicht die AI zieht in den Browser, der Browser zieht in die AI. Das ist der Track der Branche. Wie ernst OpenAI es meint, zeigen die Voreinstellungen der neuen App: Lokale Seiten - also alles, was die AI selbst für dich baut und hostet - öffnen sich bereits standardmäßig im eingebauten Browser. Nur externe Links landen noch in deinem alten Standard-Browser. Das ist noch defensiv eingestellt. Aber dass dieser Schalter eines Tages umgelegt wird, ist für mich nur eine Frage der Zeit.
Alle drei Wege verfolgen dasselbe Ziel. Aber sie beantworten eine Frage unterschiedlich: Wer sitzt am Steuer - du oder dein Agent?
Ich war Dia-Fan. Dann fiel mir auf, was fehlt
Mein eigener Weg durch diese Landschaft ging über Dia. Anfangs war ich begeistert: Seiten zusammenfassen, Artikel vergleichen, direkt neben dem Tab, in dem ich gerade las. Genau das Versprechen von Weg eins.
Mit der Zeit ist mir aufgefallen, was fehlte: der Rest meiner Arbeit. Die AI in Dia kannte den Tab vor mir - aber nicht meine Dateien, meine Mails, meine Projekte, meine Notizen. Sie sah den Ausschnitt und nie das Ganze. Und die Aufgaben, für die ich sie benutzt habe, können Claude, ChatGPT und Gemini mittlerweile selbst in ihren eigenen Apps.
Heute läuft es bei mir umgekehrt. Mein Ausgangspunkt ist nicht mehr der Browser, sondern der Agent. Der browst für mich, recherchiert Dokumentationen, surft durchs Netz - so wie ein Mitarbeiter recherchiert und einfach mit dem Ergebnis zurückkommt. Ich sehe dabei keinen Browser. Wenn er für ein Tool ohne direkten Zugang doch einen braucht, fährt er selbst einen hoch, klickt sich durch und macht ihn wieder zu. Das ist nichts, was ich beauftrage. Es passiert einfach.
Ich habe die Frage auch ins Team gestellt: Gibt es Momente, in denen ihr euch wünscht, die AI würde sehen, was gerade in eurem Browser offen ist? Philipps komplette Antwort: „Nö."
Der Tab-Test
Daraus ist meine unbequeme These geworden: Wenn du das Gefühl hast, dir fehlt AI im Browser, dann ist das ein Hinweis, dass du AI noch zu punktgenau einsetzt. Als Werkzeug, das du im richtigen Moment zückst - Seite zusammenfassen, Text umformulieren - statt als Ort, an dem deine Arbeit stattfindet. Der Wunsch nach dem AI-Button neben dem Tab ist kein Zeichen von Fortschritt. Er ist ein Zeichen, dass die Arbeit noch nicht in die AI gewandert ist.
Corinna aus unserem Team ist dafür das beste Beispiel. Sie hat lange immer wieder Inhalte von einer unserer Landingpages herauskopiert, um der AI den nötigen Kontext über das eigene Business mitzugeben, wenn sie Mails oder Content geschrieben hat. Das Bedürfnis war echt - aber die Lösung war nicht, der AI Zugriff auf den Browser-Tab zu geben. Die Lösung war, den Kontext in die AI zu holen: Heute liegt Philipps Positionierung als zentraler Skill in der AI - eine hinterlegte Arbeitsanleitung, die immer den aktuellen Stand kennt. Kein Kopieren mehr, kein offener Tab.
Es gibt einen einfachen Test dafür: Zähl deine offenen Tabs.
Bei mir waren es früher an die 50. Heute sind es fünf bis zehn: GROUNDCONTROL, unsere Plattform, auf der wir mit unseren Agents zusammenarbeiten. Ein, zwei Logins bei Hosting-Anbietern. Und Artikel, die ich selbst lesen will - nicht, weil ich muss, sondern weil ich es mag. Alles andere ist in die AI gewandert.
Zufrieden bin ich trotzdem nicht. Es sind noch immer Apps offen, die ich lieber vom Agent bedienen lassen würde. Aber einen Schritt nach dem anderen.
Der Weg von 50 auf 10 Tabs
Falls du gerade bei 50 Tabs stehst, ist die gute Nachricht: Du musst gar nichts tun. Die Reduktion passiert auch ohne dich. ChatGPT und Claude ziehen den Browser gerade Stück für Stück in ihre Apps - du wirst nicht umziehen müssen, du wirst umgezogen. Wer mag, kann aber vorziehen, was ohnehin kommt, und nimmt den Vorsprung mit. Zwei Schritte, in dieser Reihenfolge:
Erstens: Verlagere die komplette Internet-Recherche in die AI. Jede „Wie mache ich…"-Frage, jeder Vergleich, jede Doku-Suche. Die Regel dafür ist kurz: Frag deinen Agent. Nicht googeln, nicht zwölf Tabs öffnen, nicht selbst querlesen. Das ist der Schritt mit dem größten Effekt bei null Umbaukosten - und du merkst nach einer Woche, wie viele deiner Tabs nur offene Recherche-Baustellen waren.
Zweitens: Zieh deine Tools einzeln um. Ein Beispiel aus unserem Alltag: Für unser Hosting nutzen wir Supabase. Das habe ich anfangs wie jeder in der App bedient - einloggen, klicken, suchen. Heute läuft das über meinen Agent, der per MCP direkt mit Supabase spricht. MCP ist so etwas wie eine genormte Steckdose, über die dein Agent ein Tool direkt bedienen kann, ohne den Umweg über Bildschirm und Maus. Prüf bei deinen wichtigsten Tools, ob es so einen Zugang gibt - inzwischen bieten ihn die meisten an. Tool für Tool verschwindet so ein Tab.
Und ja: Manches bleibt vorerst bei dir. Das Banking, das CRM, die Anwendungen, mit denen du tief verwoben arbeitest. Das ist die Doppelgleisigkeit, in der wir alle gerade stecken - der Agent fährt auf dem einen Gleis, du noch auf dem anderen. Sie ist kein Versagen, sie ist der ehrliche Zwischenstand.
Das Betriebssystem danach
Warum ich glaube, dass diese Zwischenphase nicht ewig dauert: Nimm irgendeine App oder irgendein Browser-Fenster auf deinem Rechner. Im Kern tust du darin eines von zwei Dingen. Du stellst etwas ein und erledigst etwas - oder du schaust dir etwas an und wertest es aus.
Agents können inzwischen beides. Das Einstellen und Erledigen übernehmen sie heute schon, auf Zuruf. Und beim Anschauen und Auswerten kommt der Teil, der mich am meisten reizt: In Zukunft bereiten sie dir die Ergebnisse direkt auf - als Auswertung, als Übersicht, als Bild, zugeschnitten auf das, was dich interessiert, und darauf, wie du Dinge ansiehst. Nicht dieselbe Oberfläche für alle, wie sie jede App und jede Website heute zeigt, sondern deine. Dort liegt der eigentliche Wert der AI: Personalisierung.
Wenn das stimmt, dann war Atlas nicht zu früh dran, sondern auf dem falschen Gleis. OpenAI hat versucht, die AI dorthin zu bringen, wo die User heute sind. Die spannendere Aufgabe ist, den Ort zu bauen, an dem sie morgen sein wollen.
Mein Gmail-Test damals ist an einer offenen Mail gescheitert, die der Agent nicht sah. Aber die Erkenntnis kam erst später.
